Naturkatastrophen und Gefahrenabwehr

Die Folgen von Naturgefahren werden im menschlichen Sprachgebrauch mit extremen Begriffen beschrieben: Tod, Zerstörung, Katastrophe. 

Das Streben nach Sicherheit für den Lebensraum veranlasste daher die Menschen, Strategien und Maßnahmen zur Abwehr der Gefahren und zum Schutz ihres Hab und Gutes zu entwickeln. Das „Leben mit Naturgefahren“ im Wandel der Zeit ist eine wechselvolle Geschichte, die die grundlegenden Veränderungen im menschlichen Umgang mit Katastrophen und der Fähigkeit zur Gefahrenabwehr widerspiegelt.
 
„Katastrophen kennt allein der Mensch, wenn er sie überlebt; die Natur kennt keine Katastrophen.“ (Max Frisch) Naturereignisse wie Hochwässer, Lawinen oder Bergstürze treten in den Alpen seit deren Entstehung in Erscheinung. Die elementaren Kräfte des Vulkanismus, der Tektonik und der Eiszeit hatten wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung und die Größenordnung dieser Prozesse. Freilich bleiben derartige Ereignisse im unbesiedelten Naturraum ohne Folgen. Erst die Präsenz des Menschen in den Alpentälern lässt das Elementarereignis zur „Naturgefahr“, die Folgen desselben zur „Katastrophe“ werden. Naturkatastrophen haben in der österreichischen Geschichte immer wieder zu schweren Verlusten an Menschenleben und Sachwerten geführt und stellten für die Bevölkerung eine existenzielle Bedrohung dar. Bis ins frühe Mittelalter herrschte daher eine fatalistische Grundhaltung gegenüber den Gefahren in der Natur vor, getragen von der Überzeugung, den elementaren Gewalten schutzlos ausgeliefert zu sein. Naturkatastrophen wurden als göttliche Fügung wahrgenommen, die zu einer Anflehung der heidnischen Götter (später: christliche Schutzpatrone) um Sicherheit und Verschonung von Schaden führte. Erst in der Neuzeit entwickelte der Mensch Techniken zur aktiven Abwehr der Gefahren, die vor allem vom Vertrauen in die technische Entwicklung getragen wurde. Im 21. Jahrhundert erleben wir einen neuerlichen Wandel („Paradigmenwechsel“) hin zur Anpassung der menschlichen Lebensweise an die drohenden Gefahren, um Sicherheit nachhaltig zu bewahren.

 
Alpiner Lebensraum und Gefahrenabwehr
 

Im gleichen Maße, wie sich der Umgang mit Naturgefahren entwickelt hat, änderten sich auch die menschlichen Strategien zur Abwehr und zum Schutz vor den Gefahren. In diesem Zusammenhang ist von Bedeutung, dass erst der Rückzug der Gletscher nach der Eiszeit und die Entwicklung einer schützenden Vegetationsdecke die Grundlage für eine lebensfreundliche Umwelt und Besiedelbarkeit der Alpentäler geschaffen haben. Vor allen anderen Abwehrstrategien stand daher die Erhaltung der Schutzwälder im Mittelpunkt der menschlichen Gefahrenvorsorge. Ebenso war die Wahl der Siedlungsstandorte eine Abwägung zwischen Sicherheit und Versorgungsnotwendigkeiten.
Die Bevölkerung begann früh damit, ihre Siedlungen mit einfachen Schutzbauwerken gegen Hochwasserereignisse zu sichern. Erste Schutzmaßnahmen zur Abwehr von Überflutungen und Muren sind bereits aus der Römerzeit überliefert. Erstmals urkundlich erwähnt sind Schutzbauten an der Talfer bei Bozen (1277). Diese Bauwerke wurden jedoch häufig zerstört und mussten mit großem Aufwand von der lokalen Bevölkerung wieder errichtet werden. Ein systematisch organisiertes System zum Schutz vor alpinen Naturgefahren entwickelte sich in Österreich erst nach der Hochwasserkatastrophe 1882 in Kärnten und Osttirol.
 

Auch die Lawinen, im Volksmund als der „Weiße Tod“ bezeichnet, spielen in der Kulturgeschichte eine grundlegende Rolle. Die schneebedeckten Alpen galten in Vergangenheit als nur gefahrvoll zu überwindende Verkehrsbarriere. Diese Erfahrung machten 218 v. Chr. die Truppen Hannibals ebenso, wie über viele Jahrhunderte die Reisenden, die im Winter die Alpenpässe überqueren mussten. Zu jener Zeit fanden Menschen innerhalb und außerhalb des Siedlungsraums durch Lawinen den Tod, die  meisten Opfer forderte in Österreich der Lawinenwinter 1689. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war die Erhaltung der Schutzwälder die einzige Strategie gegen Lawinengefahren. Erst die Erschließung der Alpen mit Eisenbahnlinien (Arlbergbahn) gab den entscheidenden Impuls zur Entwicklung technischer Lawinenschutzmaßnahmen.
 

Naturgefahren-Management und Anpassungsstrategien
 

In der modernen Zivilisation entwickelte sich der „Schutz vor alpinen Naturgefahren“ schrittweise zur staatlichen Aufgabe. Die bedrohliche Entwaldung der Gebirgsregionen in Österreich infolge der Ausbeutung der Schutzwälder für Bergbau- und Industriezwecke erforderte das Einschreiten der Landesherren und führte bereits 1545 zum Erlass der ersten Waldordnung. In der Folge wurden Wälder, die den Siedlungsraum von Muren und Lawinen schützten, in Bann gelegt und die Nutzung der Wälder unter staatliche Aufsicht gestellt. Die große wirtschaftliche Bedeutung der Wasserläufe führte zur gesetzlichen Regelung im Reichswassergesetz 1869, 1884 wurde im Reichsgesetz zur unschädlichen Ableitung der Gebirgswässer die Grundlage für den Forsttechnischen Dienst für Wildbach- und Lawinenverbauung in Österreich gelegt. Weitere Meilensteine auf dem Weg zum staatlichen Naturgefahren-Management waren die Gründungen der Geologischen Reichsanstalt 1850, des Meteorologischen und geophysikalischen Dienstes 1851 und des Hydrographischen Dienstes 1893. Alle diese Einrichtungen widmeten sich auch der Beobachtungen extremer Naturereignisse und der damit verbundenen Gefahren. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich in Österreich sukzessiv ein umfassendes System des Naturgefahren-Managements, welches alle Naturgefahrenarten und alle Sektoren der Vorsorge und Bewältigung von Katastrophen umfasste. Durch die enge Kooperation zahlreicher Institutionen und die Umsetzung umfangreicher Schutzmaßnahmen konnte schließlich ein hohes Maß an Sicherheit für den menschlichen Lebensraum erreicht werden. Durch die wirtschaftliche Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg hat sich jedoch die menschliche Raumnutzung auch auf vormals gefährdete Zonen ausgedehnt, sodass die Verletzlichkeit für Naturkatastrophen heute kaum geringer geworden ist. Die Sorge um die „Grenzen der technischen Machbarkeit“ und die „Folgen des globalen Wandels“ leitet eine neue Entwicklungsphase ein: Die Anpassung der menschlichen Raumnutzung an die drohenden Gefahren und die Entwicklung von Anpassungsstrategien. Diese Ziele sind nur auf der Grundlage der Erfahrungen und Lehren realisierbar, die aus vergangenen Katastrophen gezogen wurden. Die Basis dafür bilden die Chronik und Dokumentation vergangener Ereignisse.
 

Veröffentlicht am 05.01.2021, Wildbach- und Lawinenverbauung und Schutzwaldpolitik (Abteilung III/4)