Alpine Naturgefahren im Portrait

Alpine Naturgefahren treten in allen Gebirgsregionen auf und resultieren aus der Bewegung von Wasser-, Schnee-, Eis-, Erd- und Felsmassen an der Erdoberfläche. 

Definitionsgemäß sind Lawinen, Hochwässer, Murgänge, Steinschläge, Felsstürze und Rutschungen umfasst. Die charakteristischen Prozesse der Alpinen Naturgefahren werden systematisch in die Wasserprozesse, Schneeprozesse, Sturzprozesse und Rutschprozesse eingeteilt. Diese Ereignisse können zu katastrophalen Schäden im Siedlungsraum, an Verkehrswegen und der Infrastruktur führen. Alpine Naturgefahren treten mit unterschiedlicher Intensität und Frequenz auf und sind durch sehr kurze Vorwarnzeiten und hohe Prozessenergie charakterisiert. In Österreich ist praktisch der gesamte alpine Lebensraum davon betroffen, die Gefahren spielen jedoch auch außerhalb der Alpen eine Rolle, insbesondere in Gebieten des Wald- und Mühlviertels, des Alpenvorlandes, der ostösterreichischen Vorberge und des Grazer Beckens.

Wasserprozesse

Den Wasserprozessen werden die Phänomene „Hochwasser“, „fluviatiler Feststofftransport“, „murartiger Feststofftransport“ und „Murgang“ zugerechnet. Das wesentliche Unterscheidungskriterium ist das Verhältnis der Feststoffe (Geschiebe, Schwebstoffe, Holz) zum Wasseranteil. Hochwasser transportiert nur einen geringen Feststoffanteil. Beim fluviatilen oder murartigen Feststofftransport können hingegen große Mengen an Feststoffen umlagert werden. Der Murgang ist jenes Phänomen, dessen Feststoffanteil gleich oder höher als der Wasseranteil ist, wobei auch sehr große Feststoffkomponenten (Felsblöcke, Bäume) transportiert werden. Die Zerstörungskraft eines Murgangs ist besonders hoch, sodass auch Gefahr für Menschen innerhalb von Gebäuden besteht. Hauptauslöser für Murgänge sind kurze Starkniederschläge meist in Verbindung mit Hagel sowie lang anhaltende Niederschläge bei starker Bodendurchfeuchtung. Feststoffe können durch Erosionsprozesse an der Sohle und an den Ufern mobilisiert werden. Rutschungen und Hangmuren begünstigen die Entwicklung von Murgängen ebenso wie das plötzliche Aufbrechen von Verklausungen. 

Schneeprozesse

Lawinen - unterteilt in die Hauptformen Fließlawine und Staublawine – bilden gemeinsam mit anderen Phänomenen (Schneedruck, Schneegleiten, Schneeverwehung) den Komplex der Schneeprozesse. Lawinen werden hauptsächlich aufgrund der Anbruchsform, der Bewegungsform, der Gleitfläche, der Form der Sturzbahn und der Feuchtigkeit des Schnees klassifiziert. Aus der dominierenden Bewegungsform einer Lawine (fließend oder stiebend) wurden die Bezeichnungen der Phänomene abgeleitet. In der Natur werden allerdings überwiegend Kombinationen aus Fließ- und Staublawine beobachtet. Hinsichtlich der Anbruchsform werden Lawinen in Schneebrettlawinen und Lockerschneelawinen unterteilt. Die Schneebrettlawine weist einen flächigen Anbruch auf, die Lockerschneelawine geht von einem punktförmigen Anriss aus. Die wichtigsten Faktoren, welche die Bildung und Auslösung von Lawinen begünstigen, sind extreme Schneefälle, Schneeverwehungen, ein rascher Temperaturanstieg sowie die Neigung und Ausrichtung des Geländes. Lawinen könne aber auch von Schifahrern, Wildwechsel oder Steinschlag ausgelöst werden. Insbesondere Staublawinen erreichen extrem hohe Geschwindigkeiten (bis zu 200 km/h) und führen zur Zerstörung von Bauwerken. Lawinen sind jene Naturgefahr, die die höchste Zahl an Todesopfern fordert (in Österreich durchschnittlich 30 Personen pro Jahr).

Sturzprozesse

Zur Gruppe der Sturzprozesse zählen die Phänomene Steinschlag (Blocksturz), Felssturz  und Bergsturz. In der Regel wird das Volumen der stürzenden Masse herangezogen, um das beobachtete Phänomen zu klassifizieren. Beim Steinschlag oder Blocksturz handelt es sich um einzelne Blöcke, die sich aus dem Gesteinsverband lösen und ein Volumen bis zu 10 m³ erreichen. Als Felssturz wird der Absturz größerer Felsmassen bezeichnet, die ein Volumen von bis zu 1 Mio. m³ erreichen können. Als Bergsturz werden Sturzprozesse bezeichnet, bei denen mehr als 1 Mio. m³ Fels mobilisiert werden. Solche Ereignisse bilden mitunter auch neue Landschaftsformen, so genannte Tomalandschaften, aus, wie dies beispielsweise am Tschirgant-Bergsturz in Tirol zu beobachten ist. Als Auslöser für Sturzprozesse werden je nach Größenordnung Tau-Frost-Perioden, Starkniederschläge, Erdbeben und die Vegetation (Wurzelsysteme) genannt. In jüngster Zeit hat auch der Rückgang des Permafrostes in höheren Lagen als Ursache für Sturzprozesse an Bedeutung gewonnen.

Rutschprozesse

Als vierter Prozess der Alpinen Naturgefahren sind die Rutschprozesse zu nennen. Die Prozesse können in die Phänomene Rotationsrutschung, Translationsrutschung, Hangmure und Erdstrom unterteilt werden. Die ersten beiden Prozesse werden aufgrund der Form ihrer Bewegung als Gleitbewegungen klassifiziert. Die Rotationsrutschung weist eine gekrümmte Gleitfläche auf und rotiert um eine horizontale Achse. In der Natur kann dieses Phänomen zum Beispiel anhand der Schiefstellung von Bäumen („betrunkener Wald“) beobachtet werden. Die Translationsrutschung gleitet auf einer ebenen Fläche und ist in der Regel weniger tiefgründig als eine Rotationsrutschung. Die Gleitbewegungen gehen häufig in Fließbewegungen über, zu denen die Hangmure und der Erdstrom zählen. Durch ergiebige Niederschläge oder Schneeschmelze kann es zu einem Versagen der Böschungen oder zum Aufbrechen von Quellen kommen, die Hangmuren auslösen. Auch Rutschprozesse können in den Alpen extreme Ausmaße erreichen, wie das Beispiel des Gschliefgrabens (Oberösterreich) oder der Rutschung Doren (Vorarlberg) zeigen.

Veröffentlicht am 05.01.2021, Wildbach- und Lawinenverbauung und Schutzwaldpolitik (Abteilung III/4)