Dokumentation von Naturkatastrophen an Bahnstrecken

Bahnchroniken und Streckenschaubilder

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts, also seit dem Bau der ersten gebirgsüberquerenden Eisenbahnstrecken in Österreich, wurden Naturereignisse, welche die Bahnstrecken und Gebäude betrafen, dokumentiert. Die Art des Ereignisses, die Dauer der Streckenunterbrechung, der Schaden und leider auch manchmal die Anzahl der Todesopfer wurde in Chronikbüchern in Zeilenform aufgezeichnet. Diese Aufzeichnungen wurden in unterschiedlicher Qualität und Kontinuität von den Vorgängerorganisationen der ÖBB geführt.

Im 20. Jahrhundert wurden zusätzlich zu den textförmigen Aufzeichnungen auch kartographische Dokumentationen angelegt. Auch in diesem Fall gab es regionale Unterschiede in der Qualität der Karten. Eine sehr übersichtliche Form der Darstellung war das lineare Streckenschaubild, welches eine große Datenvielfalt, wie Lawinenkataster, Wildbäche, Schutzverbauungen, Waldzustand, geplante Maßnahmen und Ereignisse, allesamt mit Streckenbezug in übersichtlicher Form, verband.

Im Personalstand der ÖBB fanden sich immer wieder Personen, die über dienstliche Obliegenheiten hinaus aus eigenem Antrieb Dokumentationen über Naturkatastrophen erstellten. Herausragend ist die Leistung von Albert Ernest, der als Leiter der Lawinenkommission Hieflau (Steiermark) eine lückenlose Chronik für die Gesäusebahn führte und somit indirekt zum Zustandekommen dieses Buches beitrug.

Das Zeitalter der geographischen Informationssysteme

Im ausklingenden 20. Jahrhundert machten es EDV-Systeme möglich, Daten räumlich in Zusammenhang zu bringen. Erstmals konnte man zwischen den herkömmlichen Datenbanken und Geodaten wie Orthophotos und Geländemodellen einen geographischen Bezug herstellen. Auch die Dienststellen der ÖBB nutzten diese Möglichkeiten von Anfang an.

Im Jahr 2007 startete der ÖBB-Fachbereich Naturgefahren-Management das Projekt „NGMap – Naturgefahrenhinweiskarte für ÖBB-Bahnstrecken". Ziel war es, einen österreichweiten Überblick über potentielle Naturgefahren, wie Lawinen, Wildbäche und Steinschlag, entlang der Eisenbahnlinien zu schaffen. Investitionen zum Schutz vor Naturereignissen sollten damit priorisiert und planbarer werden. Zu diesem Zwecke wurden auch verfügbare historische Ereignisdaten gesammelt und mit räumlichem Bezug dargestellt.

Die Naturgefahrenkarte setzt sich einerseits aus einer Datenbank und andererseits aus einem Geographischen Informationsystem zusammen. Die naturgefahrenrelevanten Bereiche werden nach betriebsinternen Standards vor Ort qualitativ erhoben und klassifiziert. Durch Aktualisierung von Daten aufgrund von stattgefundenen Ereignissen oder errichteten Schutzverbauungen wird auch die Karte laufend angepasst und online zur Verfügung gestellt. Das Thema Hochwasser wurde im Jahr 2008 in Angriff genommen. Eine ÖBB-Hochwasserrisikokarte ist aktuell in Ausarbeitung und soll auch in die Europäische Hochwasserrichtlinie einfließen.

Ausblick

Die sukzessive Einarbeitung von historischen und aktuellen Naturereignissen erlaubt die Darstellung so genannter „Hot spots", also Streckenabschnitten mit besonders hohem Schutzbedarf. Unser Ziel ist es in naher Zukunft, die Daten der Naturgefahrenhinweiskarte mit Prognosen des Wetterwarnsystems INFRA.wetter in Verbindung zu bringen und so gezielte organisatorische Anweisungen zusätzlich zu technischen und forstlichen Schutzmaßnahmen setzen zu können. 

Veröffentlicht am 11.01.2021, Wildbach- und Lawinenverbauung und Schutzwaldpolitik (Abteilung III/4)