Zeugnisse der Natur

Die "Stummen Zeugen" geben Auskunft über Naturgewalten und den Ablauf von Katastrophen

Fehlende Daten
Tagtäglich werden zahlreiche meteorologische und hydrologische Parameter weltweit aufgezeichnet und statistischen Auswertungen unterzogen. Glaubt man also, dass Daten über die Auslösung und den Verlauf von Naturereignissen (Lawinen, Muren, Rutschungen, Hochwasser) leicht zu bekommen sind, wird man aber enttäuscht. Dies ist auf verschiedene Ursachen zurückzuführen:

  • Kleinräumige Wettersituationen in den Alpen werden de facto von Messgeräten nicht erfasst.
  • Der Großteil der Messungen wird in Talräumen und entlang der großen Flüsse durchgeführt, nicht jedoch in größeren Höhenlagen.
  • Kleine Wildbach- und Lawineneinzugsgebiete sowie Massenbewegungen sind in der Regel nicht mit Messgeräten ausgestattet.
  • Für detailreiche Messungen müsste man immer schon im Voraus wissen, wo sich ein Naturereignis abspielen wird.
  • Messgeräte werden bei Naturereignissen leicht zerstört.

Angesichts der deshalb äußerst lückenhaften Datenverfügbarkeit kommt der Erhebung von Spuren im Gelände, die auf abgelaufene und rezente Verlagerungsprozesse qualitativ zurück schließen lassen und bestenfalls quantitative Interpretationen zulassen, eine hohe Bedeutung zu.
 
Die „Stummen Zeugen“
Diese Spuren im Gelände werden im Fachjargon als „Stumme Zeugen“ bezeichnet und von Dokumentaren oder „Spurensucher“ erhoben. Diese Personen arbeiten vor Ort wie Detektive. Sie sammeln möglichst viele Indizien, befragen Augenzeugen und bringen zusätzlich ihre Kenntnisse und Erfahrung mit ein. Wie in einem Puzzle setzen sie die verschiedenen Informationen so zusammen, dass ein stimmiges Bild entsteht. Dabei sind sie sich bewusst, dass

  • keine voreiligen Schlüsse gezogen werden dürfen;
  • Schlussfolgerungen immer eine Interpretation festgestellter Spuren nach Ablauf eines Ereignisses sind;
  • zwei oder mehr unabhängige Hinweise notwendig sind, um Schlussfolgerungen zu stützen.

Erst auf der Basis aller verfügbaren Informationen (von Augenzeugen, stummen Zeugen, Messstationen usw.) können Rückschlüsse über Ursachen, Prozesse, Ereignisablauf oder Wahrscheinlichkeiten gezogen werden.

Stumme Zeugen finden sich im Auslösungs-, Transport- und Ablagerungsbereich von Wildbach- und Lawineneinzugsgebieten. Gemeinsam mit vegetationskundlichen und dendromorphologischen Erhebungen lassen sich auch Rückschlüsse auf die Frequenz von Ereignissen ziehen. Stumme Zeugen bilden somit eine wichtige Grundlage einer verlässlichen Gefahrenanalyse. Die wesentlichen Parameter, die die Größe oder Intensität eines Ereignisses beschreiben, stellen z.B. die räumliche Ausdehnung, Fließ- und Ablagerungshöhen und Schadensarten an Objekten dar.
 
Spuren in der Natur
Wichtigste Merkmale für Hochwasser und Überflutung sind Anschlagmarken an Gebäuden und Bäumen. Typische Merkmale von Murgängen sind U-förmige Gerinnequerschnitte, seitliche Schuttwülste (Levées) und steile, zungenförmige Ablagerungen. Rutschungen hinterlassen Spuren durch die Ausprägung der Gleitfläche, der Höhe der Anbruchsstirn und der Verlagerungslänge. Die wichtigsten „stummen Zeugen“ für Lawinen sind die Art des Anbruches, die Anbruchshöhe und -flächen, die durchflossene Querschnittsfläche die Schäden in der Sturzbahn und die Art der Ablagerung bzw. Zerstörung im Ablagerungsbereich.

Veröffentlicht am 07.01.2021, Wildbach- und Lawinenverbauung und Schutzwaldpolitik (Abteilung III/4)