Historische Quellen

Chroniken, Dokumentationen und Archive enthalten Wissen über vergangene Katastrophen

Hinweise auf Ereignisse in prähistorischer Zeit

Informationen über Naturereignisse beruhen in den meisten Fällen auf persönlichen Erlebnissen, die mündlich weitergegeben bzw. schriftlich festgehalten wurden. Neben der reinen Beschreibung des „Naturschauspieles“ wurde, speziell bei sehr großen Schäden, auch nach einer Ursache des Ereignisses gefragt. In prähistorischer Zeit, in der keine wissenschaftlichen Erklärungen für das Eintreten großer Naturereignisse verfügbar waren, führte die Bevölkerung die Phänomene auf übernatürliche Begebenheiten zurück, zum Beispiel auf einen Drachen ("Lindwurm").
Dieser spielt in den Sagen und Mythologien fast sämtlicher Kulturvölker eine bedeutende Rolle. So wird er als ein Tier von ungeheurer Größe, geringelt, manchmal mit mehreren Köpfen und mit einem furchtbaren Blick beschrieben. Drachen galten als reale Lebewesen, die auch in den Bergen der Alpen gehaust haben sollen, meist in Schluchten oder Höhlen. In den Alpensagen werden sie oft mit Muren und Naturgewalten in Verbindung gebracht. So wie der Drache aus der Höhle, so wälzen sich bei Unwetter Gestein und Wasser aus der Schlucht und verwüsten Wiesen und Dörfer. Diesen Ungetümen konnte niemand Herr werden. Nur besonders mutigen Menschen oder den Schutzheiligen war es vorbehalten, gegen die Drachen zu bestehen.
 

Sage: Der Absturz von der Koralpe

Die Koralpe als Teil der Norischen Alpen soll einst viel höher als heute gewesen sein. In einem See im Inneren der Koralpe hat ein ungeheuerlicher Lindwurm gehaust. Die Bevölkerung befürchtete, dass der Lindwurm den Berg bis zum Absturz unterhöhlen könnte. Als sich Anzeichen dafür nach einem langen Regen zeigten, flohen die Menschen und kehrten nach dem Unglück zurück. Der Lindwurm war tot. Die Schottermassen sollen das Tal so dick bedeckt haben, dass die Kirche von Gemmersdorf völlig in ihnen vergraben lag und nur die Turmspitze herausragte. So hatte die Mure sowohl Gutes (den Tod des Lindwurms), als auch vor allem Schmerzliches gebracht. Die Scheibstatt, sagt man, ist der Platz des Teufels, wo er mit Menschenköpfen hantierend sein Spiel mit dem Schicksal der Menschen treibt.
 

Dokumentation historischer Ereignisse

Aufzeichnungen über Naturereignisse finden sich in verschiedensten historischen Datenbeständen. Zumeist war aber nicht die Dokumentation der Zweck der Aufzeichnung, sondern z.B. eine Beschreibung der vorgefundenen Phänomene in Form eines Reiseberichts oder die Darstellung des Schadens, um eine Verringerung der Abgaben gegenüber dem Lehnsherrn oder dem Staat zu erreichen. Strategisch wurden Ereignisberichte eingesetzt, um eine Änderung der Landnutzung, vor allem aber um eine Verbesserung des Waldzustandes zu erreichen. Wertvolle Quellen stellen auf Stadt- und Kirchenchroniken dar, die der kontinuierlichen Aufzeichnung aller Ereignisse in der Region dienten.

In moderner Zeit stellen Tageszeitungen reichliche, aber nicht immer verlässliche Quellen dar; wertvoller sind Publikationen in technischen Zeitschriften. Weitere Aufzeichnungen finden sich auf Gemeindeämtern, in Pfarrkanzleien und bei Privatpersonen. Diese Informationen bleiben zumeist aber der Öffentlichkeit verborgen.
Zu Beginn des letzten Jahrhunderts wurde die Bedeutung der Ereignisdokumentation erkannt. August Zarboch veröffentlicht bereits 1921 eine Denkschrift mit folgenden Anregungen:

 

  • Dokumentation solange die Naturzeichen und die Erinnerung der Auskunftspersonen genügend frisch sind
  • Darstellung unsachgemäßer Einbauten (Brücken, Wehranlagen etc.)
  • Wirkungsbilder von Schutzbauten
  • Geodätische Aufnahme bzw. Anfertigung von Stereo-Luftbildern von Hochwasser- und Verschotterungsmarken
  • Erarbeitung von Richtlinien für die Dokumentation und Einschulung von Aufnahmeorganen;
  • Zusammenarbeit zwischen Forst- und Wasserbaudienststellen
  • Aufstellung von Hochwassergefahrenklassen auf Basis der „Wasserkarten“
  • Anlage eines Archives für Wildbäche und den errichteten Schutzmaßnahmen
  • Normierung der Aufnahmen genereller und geschichtlicher Daten

Die ersten Chronisten

Über Anregung des Herrn Frèdèric Montandon in Genf bearbeitete Hofrat Ing. Strele, Sektionsleiter der WLV von Tirol (1904-1923) die Hochwasser und Vermurungen in Tirol und Vorarlberg. Das Ergebnis ist die sogenannte „Brixner Chronik“, eine Zusammenstellung von Ereignissen mit dem Titel: „Chronik der Hochwasser- und Wildbachverheerungen, der Bergschlipfe, Muhrbrüche und Felsstürze in Tirol und Vorarlberg bis inclusive 1891“. Für die Länder Salzburg, Kärnten, Oberösterreich, Niederösterreich, Steiermark und das Burgenland stellte Univ. Prof. Josef Stiny die hauptsächlichsten Schäden durch Bergstürze, Rutschungen, Muren und Hochwässer bis zum Jahre 1920 zusammen. („Über die Regelmäßigkeit der Wiederkehr von Rutschungen, Bergstürzen und Hochwasserschäden in Österreich, 1938“). Stiny war es auch, der jährliche Schadensmeldungen zusammenstellte und publizierte.

Der Wert historischer Quellen

Eine Hauptschwierigkeit in der Auswertung der historischen Quellen stellt die Lückenhaftigkeit der zugänglichen Angaben dar. Diese sind im Allgemeinen umso spärlicher, je länger die Naturereignisse zurückliegen. Je nach persönlicher Erfahrung eines Berichterstatters werden die Informationen über das Naturereignis weitergegeben. Nach Stiny trifft man nur selten Berichterstatter an, die auch die Verheerungen durch Muren, Wasserfluten usw. wahrheitsgetreu und liebevoll der Nachwelt überlieferten. Die Daten sind also mit einer großen Unsicherheit behaftet, vor allem Abschreibefehler und Erinnerungslücken führen zu falschen Datumsangaben. Ereignissen in unbesiedelten Gebieten wurde kein Augenmerk geschenkt, Aufzeichnungen erfolgten erst bei Heranrücken der Siedlungen an die Gewässer und dem damit verbundenen Auftreten von Schäden. Wertvolle Chroniken gingen durch Feuer und andere Naturgefahren, aber auch bei kriegerischen Handlungen verloren.

Die Hauptarbeit bei der Bearbeitung der Chroniken ist das Zerlegen der Beschreibungen in einzelne, aussagekräftige Datensätze. Aber schon die Festlegung des maßgeblichen Verlagerungsprozesses kann aufgrund der Vielzahl der verwendeten Begriffe Schwierigkeiten bereiten. Deshalb ist es bei der Bearbeitung historischer Daten wichtig, eine nachvollziehbare Systematik der verwendeten Begriffe aufzustellen. Eine Interpretation der Datensätze soll jedenfalls vermieden werden. Zum Beispiel können nur quantitativ angegebene Schäden als Schaden in die Datenbank übernommen werden. Beschreibungen wie „mehrere Häuser zerstört“ oder „einige Ställe weggerissen“ lassen keine nummerische Angabe zu, geben aber eine Auskunft über die Intensität des Prozesses. Bei der Bewertung historischer Quellen darf schließlich das "menschliche Element" nicht vernachlässigt werden. Zwischen den Aussagen "Hier ist noch nie etwas passiert!" und "Es war die größte Katastrophe aller Zeiten!" liegt meist die Wahrheit verborgen.

Veröffentlicht am 07.01.2021, Wildbach- und Lawinenverbauung und Schutzwaldpolitik (Abteilung III/4)