Ereignisdokumentation

Aufgabe und historische Entwicklung

Was ist „Ereignisdokumentation“?

Die Dokumentation alpiner Naturkatastrophen (Ereignisdokumentation) ist die systematische Erfassung dieser Ereignisse mittels beschreibender Texte (Berichte), statistischer Daten, Fotos und Plänen (Skizzen). Aus der Gesamtheit dieser Unterlagen können die Ursachen, der Ablauf und die Auswirkungen der Katastrophe abgeleitet werden. Die umfassende Erhebung und Darstellung ist notwendig, weil die Katastrophen in jedem Wiederholungsfall zwar ähnlich, aber doch verschieden ablaufen. Jede einzelne Katastrophe ist die Folge der Einwirkung vieler Ursachen von jeweils unterschiedlicher Art und Intensität und liefert dadurch immer wieder neue Erfahrungen für die notwendigen Vorbeugungs- und Schutzmaßnahmen gegen alpine Naturgefahren. Kurz gesagt: Die Ereignisdokumentation ist die wichtigste Aufgabe, um aus vergangenen Katastrophen zu lernen und für zukünftige Katastrophen besser vorbereitet zu sein.

Bedeutung der systematischen Ereignisdokumentation

Die systematische Ereignisdokumentation dient heute in Österreich vor allem als Hilfestellung für die Tätigkeit der öffentlichen Institutionen, die für die Sicherheit der Bevölkerung vor Naturgefahren zuständig sind. Die in diesen Dienststellen überregional tätigen Fachleute können auf Grund des Informationsgehaltes der Dokumentationen, in Verbindung mit den Erhebungen an Ort und Stelle, die bestmöglichen Entscheidungen hinsichtlich Schutzbauten, Festlegung der Gefahrenzonen, Evakuierungspläne und Raumplanung treffen. Alle diese Maßnahmen dienen der  Vorbeugung und Sicherung des menschlichen Siedlungs- und Wirtschaftsraumes vor den Einwirkungen der Naturgefahren.

Die Ereignisdokumentation soll aber auch der örtlichen Bevölkerung und den lokalen Entscheidungsträgern eine Hilfe bei ihren Entscheidungen und Tätigkeiten sein und so der Tendenz des „Vergessens“ entgegenwirken. Sie dient daher der Ausbildung eines Gefahrenbewusstseins in der Bevölkerung und hat somit unmittelbare Präventionswirkung.

Die verschiedenen Berichte über alpine Naturkatastrophen (Presseberichte, Chroniken, Reiseberichte), verfasst von Journalisten, Chronisten und Privatpersonen, sind zwar wertvolle Informationsquellen, aber keine Dokumentation im engeren Sinne. Sie sind meist subjektiv gefärbt und entsprechen der Wahrnehmung einer bestimmten Zielgruppe. Im Gegensatz dazu ist die Ereignisdokumentation eine nach objektiven Kriterien von Fachexperten durchgeführte Erhebung nach festgelegten Standards. Wichtig ist daher eine gute Ausbildung der Ausführenden (Ereignisdokumentare).

Ereignisdokumentation vor der Gründung staatlicher Institutionen

In früheren Zeiten war vor allem in den schwer zugänglichen Gebirgsgegenden die Bevölkerung sehr bodenständig und sesshaft. Wissen über Gefahren in der Natur, Erfahrungen über Naturereignisse, insbesondere über alpine Naturkatastrophen, wurden über Generationen mündlich „weitervererbt“ und haben zu einem lokalen Erfahrungswissen bezüglich Vorbeugung und Sicherungsmaßnahmen geführt. Es war dies in gewissem Sinne eine „mündliche Dokumentation“. Diese war zwar behaftet mit den Nachteilen des teilweisen Vergessens, der Übertreibung oder Verharmlosung, aber jedenfalls eine wertvolle Hilfe für das Überleben der Menschen im Gebirge.

Abgesehen von dieser mündlichen Überlieferung der Katastrophenereignisse gab es natürlich auch die verschiedensten Berichte und Chroniken, die in den alten Kulturländern bis in die Antike zurückreichen. So berichtete der Geograph und Historiker Strabo (64/63 v. Chr. - 23 n. Chr.) bereits von Lawinenereignissen bei der Überschreitung der Alpen durch Hannibal mit seinem Heer und mit Kriegselefanten (218 v. Chr.). Eine Auswahl von Berichten über Lawinenereignisse seit der Antike ist im Buch des erfahrenen Alpinisten Walther Flaig „Der Lawinen-Franzjosef“ enthalten. Einen Überblick einschließlich  Chronik der großen Überschwemmungen, auch außerhalb der Alpen, hat der Naturwissenschaftler Karl Sonklar in der Broschüre „Von den Ueberschwemmungen“ verfasst.

Die alten Berichte und Chroniken bestehen meist nur aus Texten, enthalten aber wenig Zahlenmaterial. Bildliche Darstellungen sind nur wenige erhalten, die meisten in Form von Gemälden oder Grafiken. Während Einzelberichte jeweils anlassbezogen gemacht wurden, enthalten die Chroniken von Pfarren, Städten und Herrschaften regelmäßige Aufzeichnungen von Katastrophen über längere Zeiträume.

Alle bisher angeführten Berichte und Überlieferungen können jedoch nicht als systematische Ereignisdokumentationen bezeichnet werden. Derartige gezielte und einheitliche Dokumentationen sind erstmals in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt und angewendet worden. Maßgeblich beteiligt an deren Einführung waren eine Reihe von damals neugeschaffenen staatlichen Institutionen, was in den folgenden Ausführungen aufgezeigt werden soll.

Ereignisdokumentation des Forsttechnischen Dienstes für Wildbach- und Lawinenverbauung

In der Schweiz wurde schon im Jahre 1872 durch den kantonalen Forstdienst in Graubünden unter J. Coaz mit der Einrichtung einer „Lawinenstatistik" begonnen. Sie umfasste die tabellarische Aufnahme und kartographische Darstellung der Lawinen jedes Jahres. Dieses Instrumentarium wurde ab dem Jahre 1878 von J. Coaz in seiner Funktion als Leiter des neugeschaffenen Eidgenössischen Forstinspektorates in allen alpinen Kantonen der Schweiz eingeführt. Die Informationen dieser Lawinenstatistik haben sich in weiterer Folge als Grundlage für die Verbauung der Lawinen in der Schweiz und für die Erstellung der Lawinen-Gefahrenzonenpläne bewährt.

In Österreich wurde diese Entwicklung zwar registriert, aber zunächst nicht nachgeahmt. Erst die Studienreise  des Österreichischen Reichsforstvereines im Jahre 1909 in die Schweiz gab den entscheidenden Anstoß für die Anlage und Führung einer ähnlichen  Lawinenstatistik in Österreich, ebenfalls in  Formularform und mit beigefügten Situationsskizzen (1:25.000). Diese Lawinenstatistik wurde schließlich im Jahre 1912 vom k.k. Ackerbauministerium mit Erlass angeordnet. Die „Lawinen und Steinstürze“ sollten durch den Forsttechnischen Dienst der Wildbachverbauung und durch den Forsttechnischen Dienst der politischen Verwaltung jährlich erhoben und dem k.k. Ackerbauministerium gemeldet werden. Die Meldungen wurden erstmalig im Sommer 1913 durchgeführt. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahre 1914 kam es aber durch den Personalmangel infolge der Einberufungen zum Militärdienst zur baldigen Einstellung der hierfür notwendigen Erhebungen, wodurch die Meldungen unterblieben. Durch die Organisationsänderungen infolge der Ausrufung der Republik im Jahre 1918 konnte der Erlass nicht mehr vollzogen werden. Eine Neufassung desselben unterblieb und damit auch die Fortführung der Lawinenstatistik in Österreich.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kam es auf Grund der Einrichtung einer Lawinendienststelle bei der Sektion Innsbruck der Wildbach- und Lawinenverbauung im Jahre 1948 und als Folge der schweren Lawinenereignisse in den westlichen Bundesländern Österreichs im Jahre 1951 zur Einrichtung des Lawinenkatasters mit zugehörigen Spezialkarten (1:50.000 bzw. 1:25.000) bei den Dienststellen der Wildbach- und Lawinenverbauung. In diesem Kataster wurde jede Lawine kartographisch erfasst und erhielt ein Stammblatt mit den Basisdaten des jeweiligen Lawinengebietes und ein Meldeblatt für die jahresweisen Eintragungen der Lawinenabgänge. Der bundesweite Aufbau dieses Lawinenkatasters nahm rund 25 Jahre in Anspruch. Der weitergeführte Lawinenkataster diente in den Jahren ab 1975 hauptsächlich für die Erstellung der Lawinen-Gefahrenzonenpläne.
Um auch für die Wildbäche eine Ereignismeldung zu schaffen und entsprechende Evidenzen zu erhalten, wurden vom Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft im Jahre 1972 die  Hochwasser- und Lawinenmeldungen eingeführt. Für jedes (Katastrophen-)Ereignis war seither ein dreiseitiges Formular auszufüllen, während die vierte Seite für die Eintragung von Skizzen zu verwenden war.

Alle diese genannten Dokumentationen bilden die Grundlage für das „Ereignisportal“ des auf Grund des Forstgesetzes 1975 in Entwicklung begriffenen digitalen Wildbach- und Lawinenkatasters. Diese Datenbank wird zukünftig alle Meldungen und Dokumentationen über Ereignisse von Wildbächen und Lawinen in Österreich integrieren.

Ereignisdokumentation des Bundesforschungs- und Ausbildungszentrums für Wald, Naturgefahren und Landschaft

Die systematische Ereignisdokumentation der Lawinenabgänge wurde an der Forstlichen Bundesversuchsanstalt (FBVA) im Winter 1967/68 begonnen. Es wurden alle gemeldeten bzw. „in Erfahrung gebrachten“ Schadlawinenereignisse erhoben und statistisch aufbereitet. Zur Weiterführung und Evidenthaltung dieser Arbeit wurden ab 1972 Gleichstücke der von den Dienststellen der Wildbach- und Lawinenverbauung dem Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft vorzulegenden formularisierten Lawinenmeldungen auch der FBVA übermittelt, von dieser periodisch ausgewertet und die Ergebnisse sodann publiziert. Die gleiche Vorgangsweise der Bearbeitung wird bei den ebenfalls seit 1972 eingeführten Hochwassermeldungen der WLV angewendet.
Neuerdings wurde aus dem gesamten Datenmaterial der Lawinenabgänge eine „Schadlawinen-Datenbank“ aufgebaut, deren jeweilige Auswertung regelmäßig in Berichten veröffentlicht wird. Darüber hinaus führt das BFW im Auftrag des Bundes immer wieder Ereignisdokumentationen durch.

Ereignisdokumentation der Geologischen Bundesanstalt

Seit der Gründung der k.k. geologischen Reichsanstalt (heute: Geologische Bundesanstalt/ GBA) - im Jahre 1849 sind Forschungsergebnisse bzw. Erkenntnisse der angewandten Geologie bedeutender Wissenschaftler in die Bibliothek der GBA  eingegangen. Die Bibliothek verfügt damit heute über die umfangreichsten erdwissenschaftlichen Unterlagen Österreichs sowie ein großes geologisches Archiv. Es sind Aufzeichnungen der bedeutendsten Naturkatastrophen aller österreichischen Bundesländer verfügbar, die bis auf das Jahr 792 zurückreichen.
Die derzeit geltenden wichtigsten gesetzlichen Grundlagen für die Geologische Bundesanstalt wurden im Forschungsorganisationsgesetz (FOG) vom 1.Juli 1981, BGBl. Nr. 341,  festgeschrieben – und schon mit diesem Gesetz wurde die GBA mit der Ereignisdokumentation beauftragt. Das umfangreiche Wissen der GBA findet unter anderem in der  Erstellung  themenbezogener geologischer Karten und Daten ihren Niederschlag. Mit dem Hinweis darauf, dass trotz großer Wissensfortschritte und aufwendiger Vorsorgemaßnahmen die Menschen und ihre Einrichtungen nach wie vor der Zerstörungskraft von Naturgefahren ausgesetzt sind, hat der Gesetzgeber in der Gesetzesnovelle vom Jahr 2000, BGBl.Nr.47/2000, diesen Gegebenheiten durch eine Neufassung der Aufgaben der GBA Rechnung getragen. Darin wird die GBA  zur Erfassung und Bewertung von geogen bedingten Naturgefahren, deren Evidenthaltung und Dokumentation, unter Anwendung moderner Informationstechnologien, als eine ihrer zentralen Aufgaben angehalten.

Ereignisdokumentation der Bundes-Gendarmerie

Hier ist zu erwähnen, dass in Österreich auf Grund der Alpin-Vorschrift 1926 der Bundesgendarmerie (eingeführt 1927) auf jedem Gendarmerieposten im alpinen Gebiet ein Lawinenkataster zu führen war. Ebenso war das Landesgendarmeriekommando mittels Meldungen über „große Schneefälle, Lawinenabgänge und Lawinenunfälle“ zu informieren. Durch diese Anordnungen sollten „Erfahrungen über Lawinengefahr“ gesammelt werden. Die gleichen Vorschriften wurden nach der Neugründung der Bundesgendarmerie auch wieder in die Alpin-Vorschrift 1951 (später Gendarmerie-Alpinvorschrift) aufgenommen und blieben bis 1973 in Kraft.

Ab dem Jahr 1973 wurde eine formularisierte Lawinenmeldung eingeführt, mittels der von jedem Gendarmerieposten die Schadens-Lawinenabgänge zu melden waren. Abzüge dieser Meldung erhielten das Landesgendarmeriekommando und die jeweilige Sektion der WLV. Diese Lawinenmeldungen und damit die Amtshilfe für die WLV wurden aber im Jahre 1993 aus Einsparungsgründen im Zuge des „Abbaues artfremder Tätigkeiten“ eingestellt.

Ereignisdokumentation der Österreichischen Bundesbahn

Durch den Bau der Arlbergbahn von 1880 bis 1884 war die Eisenbahnverwaltung intensiv mit alpinen Naturkatastrophen konfrontiert. Nach Beendigung der Bauarbeiten und mit Beginn des Bahnbetriebes im Jahre 1884 wurde eine „Zusammenstellung der Elementarereignisse auf der Arlbergbahn (Landeck-Bludenz) mit Inbetriebnahme der Arlbergbahn“ angelegt und bis zum Jahre 1993 evident gehalten. Diese Aufzeichnungen enthalten „Elementar-Ereignisse“ aller Art, wie Felsabstürze, Erdabrutschungen, Steinabgänge, Schneeabrutschungen, Lawinenstürze, Hochwasserschäden usw. unter Anführung des Datums und der Örtlichkeit des Geschehens. Vermerkt wurden auch Sach- und Personenschäden. Ähnliche  Aufzeichnungen, nur nicht immer in so konsequent durchgehender  Form  wie auf der Arlbergstrecke, wurden auch mit der Eröffnung anderer Gebirgsstrecken, wie  der Mariazellerbahn (1907) oder der Tauernstrecke (1909), geführt.  Später wurden auch  Bilddokumentationen in Katastrophenfällen erstellt, wie z.B. von einer  Zugentgleisung infolge eines Lawinenabganges am 8. Februar 1924 im Gesäuse und von einer Entgleisung wegen eines Steinsturzes zwischen Gstatterboden und Gesäuseeingang, am  21. März 1937.

Um die Schadenserhebung innerhalb der ÖBB gesamtösterreichisch zu vereinheitlichen, wurde im Jahre 1972 in der „B20 - Dienstvorschrift für den Bahnaufsichts- und Bahnerhaltungsdienst“ in den Artikeln 3,0 bis 5,0 die Vorgangsweise  bei Naturkatastrophenfällen geregelt. Um die Ereignisse zu lokalisieren, wurden Karten im Maßstab 1:25.000 bzw. 1:50.000 angelegt, in die alle von Naturereignissen (Hochwasser, Schneeverwehungen, Lawinen, Steinschläge, Brände usw.) gefährdeten Stellen schwarz  und die eingetretenen Naturereignisse mit Angabe der Jahreszahl rot eingetragen werden. Mit dieser Dienstvorschrift wurden auch Lawinen-, Lehnen- bzw. Hochwasserposten eingeführt, die in winterlichen Gefährdungszeiten die Schneehöhen, bei Hochwasserführung den Wasserstand und in gefährdeten Lehnenbereichen Bewegungstendenzen zu beobachten haben.

Ereignisdokumentation der Universität für Bodenkultur

An der Universität für Bodenkultur war das Wissen über die Dokumentation von Wildbach- und Lawinenereignissen seit 1884 (Schaffung einer Honoradozentur für Wildbach- und Lawinenverbauung) Teil der Ausbildung. Das Institut für Alpine Naturgefahren führt immer wieder Ereignisdokumentationen durch. Seit 2008 wird außerdem ein eigener Universitätslehrgang für Ereignisdokumentation angeboten.
 

Veröffentlicht am 07.01.2021, Wildbach- und Lawinenverbauung und Schutzwaldpolitik (Abteilung III/4)