Phänomen Schesatobel

„200-jährige" Naturkatastrophe oder Abtrag der Alpen im „Zeitraffer"

Ein besonders „spektakuläres" Beispiel einer alpinen Erosionsnarbe ist der Bruchkessel „Schesatobel" in der Gemeinde Bürserberg oberhalb von Bludenz (Vorarlberg). Die Geschichte dieses „größten Murbruches der Alpen" dokumentiert eindrucksvoll die Auswirkungen, die menschliche Eingriffe in die Natur haben können, und zeigt gleichzeitig die Grenzen der Beherrschbarkeit dieser Vorgänge.

  • Größter Murbruch Europas
  • Erste Mure 1802, mehr als 15 große Murereignisse folgen
  • Seit Entstehung des Schesatobels 40 Mio. m³ Lockergestein erodiert und abtransportiert
  • Wildbachverbauungsmaßnahmen ab 1897 (Basis: „Rhein-Staatsvertrag" Schweiz–Österreich)
     

Erdgeschichte im „Zeitraffer"
Die geologischen Ursachen für die Entstehung des Schesatobels sind komplex und können als eine ungünstige Verbindung von labilen Grundgesteinen, tektonischen Einflüssen und eiszeitlichen Ablagerungen beschrieben werden. Das Gebiet der Schesa ist Teil der so genannten „Arosazone", die aus weichen, erosionsanfälligen Gesteinen (Gips, Mergel, Konglomerate) aufgebaut ist. Durch den Einfluss der Gebirgsbildung (Tektonik) wurden diese Gesteine durch extreme Auffaltung und Zerscherung zusätzlich geschwächt.

Während der Eiszeit sperrten die Gletscher des Walgau den Bruchkessel ab und schütteten Moränen auf. Mit dem Rückzug des Eises wurden zusätzlich mächtige Schottermassen abgelagert. So entstand eine labile Lockergesteinsmasse, die nur noch einer initialen Auslösung bedurfte, um den Erosionsprozess in Gang zu setzen. 
 
Entstehung des Schesatobels
Die Erosion der Schesa hätte irgendwann in den nächsten Jahrtausenden mit Sicherheit auf natürlichem Wege stattgefunden, doch, wenn man der historischen Überlieferung Glauben schenken kann, setzte der Mensch die entscheidenden Handlungen, um den Abtrag in Gang zu setzen. Ausgedehnte Waldrodungen und Erosionsnarben durch Holzbringung sollen um 1770 ein „kleines Wiesenbächle" zu einem „wilden Murtobel" mutiert haben. Wann die Erosionsprozesse exakt eingesetzt haben, ist nicht überliefert, doch trat 1802 das erste Murereignis mit Auswirkungen bis zur Ill auf. Die Schleuse war damit geöffnet.

Weitere Murgänge folgten 1810, 1811, 1819 und 1820. 1823 wurde der Hof „Reinegg" durch die Vermurung des Bürser Außerfeldes vernichtet. 1864 drängte eine Mure die Ill gegen Nüziders ab. 1880 werden die Bahnlinie und die Landesstraße vermurt, 1885 erreicht der Schemmkegel sein heutiges Ausmaß. 1907 brechen bei einem Ereignis 200.000 m³ Lockergestein aus dem Anbruch, 1966 tritt die „Martins-Rutschung" mit einer Masse von 500.000 m³ im Ostteil der Schesa in Erscheinung.
 
Unaufhaltsamer Gebirgsabtrag oder „beherrschbare" Naturkatastrophe?
Seit Beginn der staatlichen Wildbachverbauung in Österreich fand in der Schesa ein Kräftemessen zwischen Natur und Mensch statt. Mit großem Aufwand und unterschiedlichem Erfolg wurden Hänge und Tobel stabilisiert, Erosionsflächen begrünt und Dämme zur Ableitung der Muren errichtet. Seit den 1950er Jahren wird auch in großem Umfang Kies und Schotter abgebaut, um aus den Schutzmaßnahmen auch wirtschaftlichen Nutzen zu ziehen. Die Erosion des Kessels schreitet jedoch weiter voran, ein Ende ist nicht absehbar.

Heute ist der Schesatobel eine weithin sichtbare Landmarke und hat seinen Mythos als „gefährlicher Murbruch" eingebüßt. Ob die „Schesa" endgültig gebändigt werden konnte oder nur schlummert, wird jedoch die Zukunft weisen. Letztendlich wird die Erosion der Schesa wohl erst zum Stillstand kommen, wenn alle Lockermassen abgetragen sind.

Veröffentlicht am 07.01.2021, Wildbach- und Lawinenverbauung und Schutzwaldpolitik (Abteilung III/4)