Hochwasserkatastrophe an der Arlbergbahn

100 Tage Unterbrechung der Bahnverbindung zwischen Tirol und Vorarlberg

Die Hochwässer am 22. und 23. August 2005 in Westösterreich führten auch zur Zerstörung von Abschnitten der Arlbergbahn. Wenige Katastrophen dieses Ausmaßes sind bisher in der Geschichte der Eisenbahn in Österreich aufgetreten. Der nachfolgende Abschnitt schildert die dramatischen Ereignisse und deren Folgen.

Arlbergbahn

  • Unterbrechung der Bahnlinie über den Arlberg an zahlreichen Stellen
  • Zugsunglück bei Ludesch mit 10 Güterwaggons
  • Sanierung der Arlbergbahn in Rekordzeit: Wiedereröffnung nach 100 Tagen

Das Ereignis

Das Wetterwarnsystem der ÖBB, welches sich im Jahr 2005 erst in der Testphase befand, machte es möglich, schon rechtzeitig über das drohende Ereignis Bescheid zu wissen. Am 22. August 2005 wurde für die gesamte Arlbergstrecke aufgrund der extremen Niederschlagsmengen „Langsamfahren" angeordnet. In der Nacht zum 23. August, exakt um 1:40 Uhr, wurde die gesamte Strecke vorsorglich gesperrt. Nachdem auch die Arlbergschnellstraße gesperrt wurde, war kein lokaler Schienenersatzverkehr möglich. Die Personenzüge mussten über Salzburg – München – Ulm umgeleitet werden.

Mittwoch, den 24. August 2005, frühmorgens herrschte Totenstille. Alle Verständigungsmöglichkeiten der Bahn – Funk, bahneigenes Telefonnetz und Mobiltelefon – waren total gestört. Neben der Sperre der gesamten Arlbergstrecke von Landeck nach Bludenz war auch in Vorarlberg die Strecke Bludenz – Feldkirch gesperrt. Die zuständigen ÖBB-Mitarbeiter saßen fest und waren teilweise selbst von den Unwetterschäden betroffen. Das Ausmaß der Schäden an der Eisenbahninfrastruktur war zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt.

Die Erkundung der Schäden

Am 24. August 2005 vormittags wurde in Innsbruck ein kleines Team zur ersten Schadensermittlung zusammengestellt. Die einzige Möglichkeit möglichst rasch in das Krisengebiet zu kommen, war der Hubschrauber.

Der Leiter des Fachbereiches Naturgefahren-Management berichtet: „Im Bereich der Sannabrücke kurz nach Landeck konnten wir während der Besichtigung der Brückenpfeiler vom Hubschrauber aus die Auswirkungen des Unwetters im Paznauntal erahnen. Wir landeten unmittelbar im Bereich des Bahnhofes Strengen und gingen zu Fuß entlang der Bahnstrecke in Richtung Westen. Nach ca. 100 m konnten wir auffällige Setzungen des Schotterbettes an den Schwellenköpfen und tiefe Risse an den Mastfundamenten der Fahrleitungsmaste erkennen. Nach weiteren 100 m war der gesamte Bahndamm auf einer Länge von 130 m abgerutscht und der Gleisrost hing in der Luft. Circa 30 m unterhalb der Bahntrasse grub sich die Rosanna immer tiefer in den Bahndamm."

Ähnliche erschreckende Schadensbilder zeigten sich entlang der Bahnstrecke zwischen Strengen und St. Anton/Arlberg auf insgesamt ca. 500 m. Die Bahndämme rutschten ab, Setzungen des Unterbaues führten zu schweren Gleislagefehlern, die Fahrleitung war an mehreren Stellen nicht mehr vorhanden und ein Mast der 110 kV-ÖBB-Versorgungsleitung war zerstört.

In Vorarlberg in der Nähe von Ludesch kam es zu einer Überflutung und Aufweichung des Bahndammes. Das führte noch kurz vor der Streckensperre zu einer Entgleisung eines Güterzuges. Dabei verkeilten sich zehn Kesselwaggons derart ineinander, dass für die Streckenfreimachung schwere Kräne erforderlich waren. Dazu musste jedoch erst eine Baustraße im unzugänglichen Gelände errichtet werden.

Der Wiederaufbau

Bis gegen Mittag war klar, dass eine rasche Wiederbefahrbarmachung der Strecke nicht möglich war. In den folgenden Stunden kam es immer wieder zu Nachbrüchen der Bahndämme und zu weiteren Rutschungen. Aufgrund des enormen Ausmaßes der Dammrutschungen (Anbruchhöhen über 30 m) war eine Sanierung vom Gleis aus nicht möglich. Die beschädigten Bahndämme wurden neu aufgebaut und der Hochwasserschutz massiv ausgebaut. Nach 100 Tagen war die Arlbergstrecke wieder befahrbar. 

Veröffentlicht am 07.01.2021, Wildbach- und Lawinenverbauung und Schutzwaldpolitik (Abteilung III/4)