Die Mure am Enterbach

in der Tiroler Gemeinde Inzing am 26. Juli 1969

Der Enterbach (auch Hundstalbach) bei Inzing ist seit jeher als murstoßfähiger Wildbach bekannt, wovon auch die teilweise jahrhundertealte Verbauungsgeschichte zeugt. Nachdem der Ort Inzing allein im 19. Jahrhundert mehr als 6-mal durch Murgänge aus dem Enterbach verheert wurde und seine Bevölkerung mehr als einmal darüber nachdachte, den Ort aufzugeben, konnten aufgrund weiterer intensiver Verbauungstätigkeiten im Einzugsgebiet weitere Katastrophen zunächst vermieden werden. Mit Ausnahme eines Ereignisses im Jahr 1929 blieb der Ort vor größeren Schäden durch den Enterbach bis ins Jahr 1969 verschont.

Der 26. Juli 1969 markierte dann einen weiteren traurigen Tiefpunkt für die Gemeinde Inzing im Tiroler Inntal. An diesem Samstag wurden der Ort und seine Bewohner von zwei Murgängen überrascht, deren Wirkung auch noch Jahre nach dem katastrophalen Ereignis zu spüren war.

Als Auslöser für dieses Ereignis gilt ein Wolkenbruch mit Hagelschlag am südlich von Inzing gelegenen Rosskogel, der die Almböden etwa 15 cm hoch flächig bedeckte. Infolge des Starkniederschlags in Kombination mit dem Hagelschlag wurden im obersten Einzugsgebiet des Enterbachs zahlreiche frische Rinnen und Gräben aufgerissen, in denen viel Geschiebe durch die erosive Kraft des Wassers abtransportiert wurde. Die mitgeführten Feststoffe wurden zum größten Teil auf der Hundstalalm abgelagert, was zur Folge hatte, dass nun das geschiebeentlastete Wasser sich in der anschließenden Gerinnestrecke erneut eintiefen und eine Unmenge an Geschiebe- und Geröllmassen in Kombination mit Wildholz abtransportieren konnte. Der so entstandene Murgang und seine hohe Geschwindigkeit führte entlang des Grabenverlaufes zur starken Beschädigung oder Zerstörung von 42 der insgesamt 44 in den vorangegangenen 80 Jahren errichteten Wildbachsperren.

In Inzing wurden die Menschen von den zwei Murgängen regelrecht überrascht, da in dem Ort zum Zeitpunkt des Ereignisses lediglich leichter Regen zu verzeichnen war und sich aufgrund des hochsommerlichen Wetters besonders viele Badegäste im neu errichteten Schwimmbad aufgehalten haben.

Augenzeugen berichteten von einer bis zu 6 m hohen „Mauer" aus Schlamm, Geröll, Baumstämmen sowie Steinen und Felsblöcken in allen Größen. Das Geschiebesortiment wies Felsblöcke mit Kubaturen von teilweise 15–20 m³ auf – was in etwa einem Gewicht von 40–50 Tonnen entspricht. Die Badeanlage, in der sich etwa eine Stunde zuvor noch ungefähr 1.200 Menschen getummelt hatten, wurde zur Gänze überflutet. Während der wenigen Minuten, welche bis zum Eintreffen des zweiten Murganges vergingen, konnten noch einige Personen aus dem Bereich des Schwimmbades evakuiert werden. 3 Personen fanden bei diesem Ereignis den Tod.

  • Starke Gewitter mit Hagel im Oberlauf des Enterbachs lösten die Murgänge aus
  • 2 Murgänge mit Abflussspitzen > 1.000 m³/s
  • Über 52 ha Fläche wurde am Schuttkegel vermurt, Ablagerungsmenge rund 400.000 m³
  • 3 Tote, 15 Verletzte
  • 2 zerstörte Häuser, 12 weitere Gebäude und eine Kapelle wurden bis zu 1 m hoch eingeschottert
  • 500 m der Arlbergbahn waren für 2 Tage unbefahrbar
  • Die Aufräum- und Instandsetzungsarbeiten nahmen 1 Jahr in Anspruch

Konsequenzen

Die enormen Kosten der Schadensbehebung nach der Katastrophe führten dazu, dass der Enterbach heute in einem neuen, regulierten Bachbett fließt und ein Geschiebeablagerungsbecken am Schwemmkegelhals den Ort Inzing schützt. Die Größe und Schwere des Murgang-Ereignisses 1969, das durch die Zerstörung der Konsolidierungssperren im Grabenlauf des Enterbachs wesentlich mitbestimmt wurde, führte vielen Fachleuten auch die Grenzen der technischen Möglichkeiten im Umgang mit Naturgefahren vor Auge.

Dieser Aspekt unterstützte neben vielen anderen Rahmenbedingungen schließlich auch die Weiterentwicklung der Gefahrenzonenplanung im Forsttechnischen Dienst für Wildbach- und Lawinenverbauung in Österreich und deren Regelung im Forstgesetz 1975.

Veröffentlicht am 07.01.2021, Wildbach- und Lawinenverbauung und Schutzwaldpolitik (Abteilung III/4)