Lawinengefahr für die Eisenbahn

Katastrophenereignisse von Beginn des Bahnbaus bis zum Lawinenwinter 1924

Der Bau von Eisenbahnstrecken gewann am Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr an Bedeutung. Zu dieser Zeit hatten die Eisenbahnen eine wesentliche militärische Bedeutung und verbanden alle wichtigen Punkte der Donaumonarchie. Eine der größten Herausforderungen beim Bau der Eisenbahnstrecken war die Querung der Alpen sowohl in Nord-Süd- als auch in Ost-West-Richtung. Die gängigste Methode war das Anlegen von Scheiteltunnels, welche über Rampen erreicht wurden. Die Rampen wurden so gelegt, dass eine maximal mögliche Steigung von 30 ‰ nicht überschritten wurde. Daher mussten in kühner Trassenführung steile Bergflanken angeschnitten, Wildbäche gekreuzt und Lawinenstriche durchfahren werden. Die damals angelegten Gebirgsstrecken werden allesamt heute noch genutzt.

  • 1888: Bahnhofgebäude in Langen am Arlberg verschüttet, 3 Todesopfer
  • 1909: 26 Arbeiter durch Staublawine im Anlauftal (Gastein) getötet
  • 1924: Die Tamischbachtum-Lawine verschüttet die Enns und den Bahnhof Hieflau 15 m hoch

Die Arlbergbahn

Die Strecke von Innsbruck nach Bludenz wurde am 20. September 1884 in Anwesenheit des Kaisers Franz Joseph I. feierlich eröffnet. Schon beim Bau der Strecke gab es Lawinen-, Steinschlag- und Wildbachereignisse. Nach der Fertigstellung der Arlbergbahn lag erstmals ein österreichischer Hauptverkehrsträger in einem extrem lawinengefährdeten Gebiet. Die Eisenbahningenieure sahen sich daher schon früh mit dem Problem des Schutzes der Bahnanlagen vor Lawinen konfrontiert. So entstanden am Arlberg die ersten Lawinenverbauungen in den Anbruchgebieten zum Schutz der Eisenbahnstrecke. Erst im Schutz dieser technischen Maßnahmen war eine Besiedelung des Vorarlberger Klostertals überhaupt möglich.

Die seit 1884 geführte Lawinenchronik weist darauf hin, dass es schon damals eine Art Lawinenkommission oder zumindest einen verantwortlichen Bahnbediensteten für Lawinen gegeben haben musste. Dem war tatsächlich so: Herr Peter Marent wurde im Jahr 1887 zum ersten Lehnenbahnmeister bestellt und war damit der erste „Lawinenexperte" der Österreichischen Bahn. Dieser führte von Beginn an eine Beurteilung der Lawinengefahren anhand fixer Messstellen und aufgrund örtlicher Erfahrungen durch.

Arlbergbahn

„Nachts Streckensperre wegen Lawinengefahr. Abgang mehrerer Lawinen bis zum Gleiskörper. Strecke an einigen Stellen verschüttet. Abgang der Längentobellawine, welche das Wächterhaus 77 ins Tal warf – 2 Todesopfer. Benediktentobellawine verschüttet das Bahnhofsgebäude in Langen bis zum 1. Stock. Spreubachlawine verschüttet die Bahn 4–5 Meter hoch, reißt die Brücke ca. 500 Meter ins Tal. 1 Bediensteter kam ums Leben." (Erstes in der Chronik der Arlbergbahn erfasstes Lawinenereignis datiert mit 8. und 9. September 1888).

Die Tauernbahn

Am 7. März 2009 jährte sich zum 100. Mal das größte Lawinenunglück in der Geschichte der österreichischen Eisenbahn. In Böckstein, am Nordportal des Tauerntunnels nahe Bad Gastein, wurden im Jahre 1909 gerade die letzten Arbeiten vor der Eröffnung der für die damalige Monarchie äußerst wichtigen Nord-Südverbindung zwischen Schwarzach/St. Veit und Spittal/Drau fertiggestellt.

Arbeiter waren mit der Pflasterung des Anlaufbachbettes unterhalb der Eisenbahnbrücke beschäftigt, als eine gewaltige Lawine vom Thomaseck die Baustelle mit voller Wucht traf und 26 Todesopfer forderte. In der näheren Umgebung beschäftigte Bauarbeiter und Mitglieder der Feuerwehr Böckstein (insgesamt ca. 250 Mann) suchten sofort die Unglücksstelle ab und konnten wie durch ein Wunder 12 Arbeiter lebend bergen. Den Opfern dieser Lawinenkatastrophe ist ein Denkmal an der alten Anlauftal-Eisenbahnbrücke gewidmet. Das Ereignis war Anlass für umfangreiche Lawinenschutzmaßnahmen im Bereich des Bahnhofes Böckstein in den folgenden Jahrzehnten.

Die Gesäusebahn

Die Eisenbahnstrecke im steirischen „Gesäuse", einem imposanten Taldurchbruch der Enns zwischen Admont und Hieflau, wurde im Jahr 1872 eröffnet und hatte anfänglich hauptsächlich Bedeutung für den Güterverkehr. Der steirische Erzberg, eine wichtige Rohstoffquelle für die Eisenproduktion, wurde in Richtung Norden erschlossen. Die Strecke entlang der Enns war von Anfang an von Naturgefahren wie Hochwasser, Steinschlag, Muren und Lawinen betroffen. Die Ereignisse sind in einer sorgsam geführten Chronik dokumentiert. Bereits in den Jahren 1888, 1892 und 1905 kam es zu schwerwiegenden Streckenunterbrechungen durch Lawinen. Die größte Lawinenkatastrophe ereignete sich jedoch im schneereichen Winter 1924, am 24. Februar.

Der Chronist Albert Ernest schreibt dazu Folgendes:
„Ein Verschubzug wurde von einer riesigen Lawine verschüttet, dabei fanden vier Eisenbahner den Tod. Die Bahn wurde auf einer Länge von 361 Metern und einer maximalen Höhe von 14,70 Metern verlegt. Die Bahnstrecke war vollkommen verdeckt. Die Enns wurde stundenlang durch den Lawinenschnee aufgestaut, bis sie die Schneemassen durchbrach und sich der Abfluss normalisierte. Die Lage des verschütteten Zuges war vorerst unklar. Durch allmählich aufsteigenden Rauch aus der Lokomotive wurde die Verschüttungsstelle erkannt."
– Vier Eisenbahnbedienstete konnten nur noch tot geborgen werden.

Veröffentlicht am 07.01.2021, Wildbach- und Lawinenverbauung und Schutzwaldpolitik (Abteilung III/4)