Lawinenkatastrophen 1951 und 1954

Zwei extreme Lawinenwinter fordern in kurzer Folge zahlreiche Todesopfer

Der „Weiße Tod"
Lawinen treten in den Alpen fast jeden Winter auf. Die Sturzbahnen und die Reichweite der Lawinen sind den Bewohnern der Bergtäler seit Jahrhunderten bekannt, so dass sie ihren Siedlungsraum an diese Gefahren angepasst haben. Lawinenereignisse haben außerdem in der Regel eine lokal begrenzte Schadenswirkung. Nur selten erreichen Lawinen ein Ausmaß, welches das Vorstellungsvermögen der Betroffenen übersteigt. Dann schlägt der „Weiße Tod" jedoch mit zerstörerischer und totbringender Gewalt zu. Besonders dramatisch sind Winter, in denen zahlreiche Täler gleichzeitig von Lawinenkatastrophen betroffen sind. Man spricht von „Lawinenwintern".

Diese Situation trat in Österreich in kurzer Abfolge in den Wintern 1950/51 und 1953/54 ein. Diese Katastrophen stellten eine Zäsur für den österreichischen Lawinenschutz dar.

» Schwerste zivile Lawinenkatastrophen in Österreich seit 1689
» Lawinenwinter 1951: 135 Todesopfer, 200 Gebäude zerstört
» Lawinenwinter 1954: 143 Todesopfer, ca. 500 Gebäude zerstört
» Auslöser für die Neuordnung des Lawinenschutzes in Österreich

Lawinenwinter 1950/51
Der Lawinenwinter 1950/51 führte im gesamten Alpenraum zu zahlreichen Katastrophen. Neben Österreich wurden besonders die Schweiz, Italien und die slowenischen Alpen von schweren Lawinenkatastrophen heimgesucht.
 

Ausgelöst durch ein gewaltiges Tief, dessen Wirkungsfeld sich im Jänner 1951 über eine Breite von bis zu 150 km über die gesamte Alpenkette – vom Schweizer Wallis bis zu den Niederen Tauern in Österreich – erstreckte, kam es binnen kurzer Zeit zu außerordentlich hohen Niederschlägen. Im Ostalpenraum verfrachteten Stürme gewaltige Schneemassen und führten zu Schneeakkumulationen ungeahnten Ausmaßes.

Dazu gesellte sich am 19. und 20. Jänner eine auffallend starke Erwärmung, wodurch der Schneefall bis 2.000 m ü. A. in Regen überging. Dadurch folgten auf die in der ersten Phase abgegangenen Lockerschneelawinen verheerende Grundlawinen aus der Nassschneedecke.
 

In Österreich, das mit 135 Toten die höchste Opferzahl zu beklagen hatte, wurden besonders die Bundesländer Tirol, Kärnten und Salzburg von Katastrophenlawinen heimgesucht, während Vorarlberg in diesem Winter weitgehend verschont blieb. Weit über 200 Gebäude wurden beschädigt oder zerstört. Viele Täler waren wochenlang von der Umwelt abgeschnitten und mussten über längere Zeit aus der Luft versorgt werden.

Lawine Heiligenblut (21. Jänner 1951)
 

Nach starken Neuschneefällen (bis zu 130 cm) kam es am 21. Jänner 1951 um 4:20 Uhr zum Abbruch einer Lawine aus dem Gebiet der „Weißen Wand" auf Heiligenblut (Kärnten). Es gerieten ca. 100.000 m³ Schnee in Bewegung und stürzten – den Waldgürtel bei der Großglockner Hochalpenstraße durchschlagend – bis in den Talboden. Die Lawine zerstörte mit ihrem östlichen Arm ein Anwesen, wobei sechs Tote zu beklagen waren. Weitere sechs Personen fanden in der Ortschaft Heiligenblut den Tod, wo verheerende Schäden an 36 Wohn- und Wirtschaftsgebäuden, Straßen und Versorgungsanlagen verursacht wurden.

Lawinenwinter 1953/54

Im Gegensatz zu 1951 war vor allem Vorarlberg vom Lawinenwinter 1953/54 betroffen. Die Ursache der Lawinenkatastrophe lag im Zusammenwirken mehrerer ungünstiger Umstände. Anfang Jänner traten innerhalb von 2 bis 3 Tagen Neuschneemengen von 1–1,6 m auf, gleichzeitig kam es zu starken Schneeverfrachtungen und großen Ablagerungen an Leehängen durch stürmische West- und Nordwestwinde. Der Schneefall trat in allen Höhenlagen bei sehr niedrigen Temperaturen auf. Diese bedingten ein vollkommen lockeres Gefüge des Neuschnees.
 

Am 11. Jänner 1954 wurde Vorarlberg von der folgenschwersten Lawinenkatastrophe seit 1689 heimgesucht. 268 Personen wurden verschüttet, davon konnten 125 nur mehr tot geborgen werden. 491 Objekte wurden zerstört. Neben den Schwerpunkten der Katastrophe in Mellau und Hittisau im Bregenzerwald, in Dalaas im Klostertal und in Bartholomäberg im Montafon wurden im Großen Walsertal die Gemeinden am schwersten getroffen.
 

Beispielhaft für die zahlreichen Lawinen des Winters 1954 dokumentieren einige ausgewählte Ereignisse die Dramatik dieser Katastrophen:

„Fast fehlen einem die Worte, wenn man zu den schweren Ereignissen der letzten Tage in unserem Land Stellung nehmen soll. Nicht bloß seit Menschengedenken, sondern weit zurück in der Geschichte unseres Landes ist keine Lawinenkatastrophe solchen Ausmaßes mit so schrecklichen Folgen in Bezug auf Verluste an Menschenleben und Wohnstätten zu beklagen, wie die am 11. und 12. Jänner dieses Jahres."
– Aus dem Aufruf von Landeshauptmann Ilg zur Hilfe für die von der Lawinenkatastrophe 1954 Betroffenen

Lawinenkatastrophe im Großen Walsertal (11. Jänner 1954)
Im Großen Walsertal in Vorarlberg wurden etwa 50 % der Gesamtfläche der Hänge, auf denen der Hauptteil der Siedlungen liegt, von trockenen Lockerschnee- und Staublawinen unbekannten Ausmaßes überfahren, wobei die Anbruchgebiete sowohl im Freiland als auch im Walde lagen. Insgesamt gingen im 20 km langen Tal 46 Lawinen ab.
Das dramatische Ausmaß der katastrophalen Lawinenniedergänge zeigen folgende Zahlen: 164 Personen wurden verschüttet, davon konnten 83 nur mehr tot geborgen werden, 52 Wohn- und Wirtschaftsgebäude wurden zerstört, 59 beschädigt. Am schwersten betroffen war die kleine Gemeinde Blons: Von den 365 Einwohnern wurden 118 von den Lawinen verschüttet, 57 konnten nur mehr tot geborgen werden. Die Hauptschadenslawinen waren die Hüggenlawine (34 Tote) und die Mont-Calf-Lawine (22 Tote).
 

Die Rettungsaktionen wurden durch die Zerstörung der Telefonverbindung und den Umstand, dass die Landstraße erst nach 14 Tagen wieder befahrbar gemacht werden konnte, erheblich erschwert. Vom 10.–13. Jänner 1954 waren die Bewohner des Tales völlig sich selbst überlassen und konnten von der Außenwelt keine Hilfe erwarten. Am 13. Jänner setzte dann eine groß angelegte Rettungsaktion ein, an der sich erstmalig auch Hubschrauber (Schweizer Rettungsflugwacht und amerikanische Armee) beteiligten.


„Bei jeder Ausrüstung, vom beißenden Schneesturm gepeinigt, konnte sich die Hilfeleistung nur auf die Bergung der wenig Verschütteten beschränken, man musste abbrechen – zurück blieben im Ungewissen Lebende und Tote. So hatte sich die Zahl wieder vermehrt, die Hilflosigkeit der wenig Übriggebliebenen steigerte sich ins Unerträgliche. Es kam die längste Nacht!"
– Aus Eugen Dobler „Wie wir die Lawinenkatastrophe überlebten und erlebten" (11. Jänner 1954 in Blons)

Lawinen an der Arlbergbahn 1954

Der Winter 1953/54 brachte die folgenschwersten Lawinenereignisse an der Arlbergbahn seit ihrem Bestehen. Nach vier Tagen mit starken Schneefällen ereigneten sich in der Nacht von 11. auf 12. Jänner 1954 auf der Westrampe zahlreiche Lawinenabgänge (ca. 75). Bereits am Nachmittag des 11. Jänner 1954 musste nach Abgehen mehrerer Lawinen auf den Bahnkörper der Zugverkehr gesperrt werden.
 

Das schwerste Lawinenereignis ereignete sich im Bahnhof Dalaas. Die am 12. Jänner 1954 um 0:26 Uhr niedergehende Lawine traf mit voller Wucht auf den Eilzug E 632 nach Wien, der durch die Sperre im Bahnhof Dalaas festgehalten worden war. Die schwere E-Lokomotive wurde an das Bahnhofsgebäude geschleudert. Im Weiterfahren zerstörte die Lawine das halbe Bahnhofsgebäude und beschädigte das Gasthaus Paradies schwer, in dem zahlreiche Reisende des E 632 genächtigt hatten. Im Bahnhofsgebäude wurden durch die Lawine 5 Bahnbedienstete sowie 3 Angehörige und 3 Reisende getötet. Die im Zug verbliebenen Reisenden sowie die Leute, die sich im Gasthaus Paradies aufhielten, kamen mit Verletzungen oder dem Schrecken davon.

Konsequenzen für den Lawinenschutz
Als Folge der Katastrophenereignisse in den Wintern 1950/51 und 1953/54 kam es einerseits zu einem massiven Ausbau von Lawinenverbauungen (Untersuchungen in der Schweiz hatten die Wirksamkeit der bereits bestehenden Verbauungen gezeigt), andererseits zum Aufbau von Lawinenwarndiensten in Österreich (Vorarlberg 1953, Kärnten 1956, Tirol 1960, Salzburg 1965) und Einführung des Lawinenkatasters. Die Analyse der Lawinenkatastrophe von Blons war schließlich auch die Grundlage für die Entwicklung der Methoden zur Lawinenberechnung (Voellmy). Damit lösten die Lawinenkatastrophen 1951 und 1954 wichtige Entwicklungen für den Lawinenschutz in Österreich aus.
 

Veröffentlicht am 11.12.2012, BMLFUW IV/5